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Mit unseren Kindern in Nepal (Teil 5) – Wandern im Herzen der Annapurna

Aktualisiert: 9. März 2023

Woche 8


Fahrt von Pokhara nach Ghandruk


Wir reduzieren erneut unser Gepäck und brechen für ein paar Wandertage im Herzen der Annapurna Region auf. Ab heute begleiten uns zwei Träger, Omid und Bipol. Zwei, denn wir gehen davon aus, dass wir Tenzing gelegentlich tragen müssen. Sie übernehmen unser Gepäck. Auf der 3-spurig ausgebauten Fahrbahn im Top-Zustand kommen wir zügig voran. Nur der letzte Streckenabschnitt nach Ghandruk ist eine Herausforderung. Etwa 10 Kilometer Schotterpiste haben wir zu bewältigen. Auf halber Strecke machen wir eine Rast an einem schönen Wasserfall. Tenzing ist begeistert und klettert schon über die ersten Felsen hinweg.


Um die Mittagszeit erreichen wir das hübsche Bergdorf Ghandruk. Wir entschließen uns spontan dazu hier zu übernachten. Wir möchten unser Schicksal nicht herausfordern und den Kindern zu viel Action an einem Tag zumuten. Welch eine gute Entscheidung, dass wir bleiben! Am Nachmittag zieht Wind auf und es beginnt heftig zu regnen. Wir ziehen uns auf unser gemütliches Lodge-Zimmer zurück und kuscheln uns in unsere Betten. Nima macht sein Mittagsschläfchen. Tenzing hört Tonie-Box, zum Glück haben wir die spontan noch eingepackt.


Am späten Nachmittag ist das Gewitter vorüber und die Sonne kommt nochmal raus. Wir machen einen Abendspaziergang durch das verwinkelte Dörfchen. Zurück in der Lodge gibt es leckeren Masala Tee und Chow Mein (Nudelteller). Nima schläft friedlich zum Sonnenuntergang ein. Mit Tenzing beobachten wir, wie der Mond hinter den Bergen aufsteigt. Er strahlt unglaublich hell am dunkelblauen Nachthimmel, es ist wunderschön anzusehen. Das kann man nur in den Bergen erleben!


Als die Kinder schlafen, überlegen wir noch, welche Richtung wir am kommenden Tag einschlagen werden:


Variante 1: Den Berg hinauf Richtung Ghorepani, mit Rhododendronblüte um diese Jahreszeit, mit dem Aussichtspunkt Poon Hill, längere Tagesetappen und eine lange Fahrt zurück nach Pokhara


Variante 2: Den Berg hinab Richtung Annapurna Basecamp, dann aber auch wieder hoch, kurze, aber schöne Tagesetappen, mit der Möglichkeit jederzeit abzubrechen


Wir entscheiden uns für Variante 2. Denn auch wenn Variante 1 für uns Erwachsene attraktiver anmutet, möchten wir doch ein paar schöne Tage mit unseren Kindern verbringen. Wir sind einfach glücklich, dass wir es bis hierhergeschafft haben und möchten kein Risiko eingehen.


Wanderung von Ghandruk nach Jhinu Danda


Dank Nima erleben wir einen überwältigenden Sonnenaufgang mit Bergpanorama. Direkt aus dem Fenster unserer Lodge haben wir Annapurna Süd, Himchuli und Machapuchare im Blick. Der Himmel ist strahlend blau. In bester Laune starten wir in unseren ersten Wandertag. Thinley hat Nima in der Trage. Tenzing läuft bei mir an der Hand. Über Steinstufen und angenehme Wege geht es bergab. Die Landschaft ist geprägt von Bambussträuchern und überall wächst Minze am Wegesrand. Die für Nepal typischen Sal-Bäume spenden uns Schatten. Wir machen immer wieder kleine Pausen. Das ist beim Wandern mit Tenzing die beste Strategie, um ihn bei Laune zu halten. Wir setzen uns auf die dafür vorgesehenen Rastplätze – Steinplatten auf Sitzhöhe, die um dicke Stämme massiver Bäume herumgebaut sind.


Nach etwa 1,5 Stunden gelangen wir auf eine – wohl recht neue – Jeepstraße und überqueren einen Fluss. Tenzing darf eine Weile am Wasser spielen. Er baut Steinmännchen und legt mit kleinen Hölzern Brücken aus. Wir erfrischen uns und auch Nima darf seine nackten Füßchen ins kalte Wasser stecken.


Zu unserer Enttäuschung müssen wir der exponierten Jeep-Straße für eine weitere Stunde folgen. Nima wird von Minute zu Minute unruhiger. Vermutlich ist es ihm einfach zu heiß. Wir machen ihn frisch und nach ein wenig Gebrüll schläft er zum Glück nochmal in der Trage ein. Kurz vor unserer Ankunft in Jhinu Danda überqueren wir eine lange Hängebrücke über den Modi Khola. Das ist die Premiere für Tenzing. Er macht super mit, die Höhe und auch das Wackeln scheinen ihm nichts auszumachen.


Nach unserer Ankunft essen wir dhal bat (Reis mit Linsen). Hier in den Bergen schmeckt das Nationalgericht nochmal einen Tick besser. Jede Lodge hat ihr eigenes Rezept und natürlich gibt es auch immer Nachschlag. Dann ziehen wir uns mit Nima für ein Schläfchen zurück. Tenzing hört Tonie-Box und darf etwas am Handy schauen.


Bei Jhinu Danda direkt am Fluss gibt es heiße Quellen. Leider lässt sich Tenzing jedoch nicht mehr dazu motivieren den Fußweg bis dorthin mit uns zu machen. Wir belassen es am Nachmittag bei einem kleinen Spaziergang durch das überschaubare Örtchen. Nachdem die Kinder schlafen, machen wir noch klar Schiff und legen die Kleidung für den nächsten Tag bereit.


Wanderung von Jhinu Danda nach Landruk


Wir haben uns vorgenommen, heute noch etwas früher zu starten, um die kühlen Stunden am Vormittag zu nutzen und somit Nima zu schonen. Um 7 Uhr haben wir gepackt, gefrühstückt und starten los. Es geht zurück über die lange Hängebrücke. Tenzing überquert sie mit Freude und Leichtigkeit. Dann folgen wir dem Wanderweg unterhalb der Brücke. Wieder geht es über Steinstufen und angenehme Wege stetig bergab, bis wir das Flussbett erreichen. Tenzing ist tief beeindruckt von den teils riesigen Felsbrocken und möchte am liebsten über jeden Stein klettern. Über eine hübsche Holzbrücke überqueren wir erneut den Fluss und bleiben dann für die restliche Tagesetappe auf dieser Seite.


Wir folgen dem Flussbett des Modi Khola eine ganze Weile, bevor es später wieder ansteigt. Es ist üppig grün. Auch hier ist die Landschaft geprägt von gewaltigen Bambusgewächsen. Farne schmücken den Wegesrand (Tenzing nennt es "Stegosaurus-Essen"). An einer steilen, prominenten Felswand beobachten wir Languren-Affen. Sie klettern geschickt an den Felsen entlang und hangeln sich dann weiter zu den Bäumen.


Wir vermeiden es heute ständig Pausen einzulegen. Der Weg ist abwechslungsreich, so dass Tenzing es kaum bemerkt. Wenn er selbst laufen möchte, ist es gut, ansonsten tragen ich ihn und wir kommen gut und zügig voran. Unmerkbar geht es stetig bergauf. Die Sal-Bäume spenden Schatten und unser Blick schweift immer wieder nach hinten. Wir haben Himchuli und Annapurna I immer im Rücken. Der Bergblick könnte nicht besser sein. Wir passieren immer wieder kleine Wasserfälle. Vereinzelt ist es feucht, wir laufen unter überhängenden Felsen hindurch. Tenzing scheint das jedoch nichts auszumachen. Er jagt den bunten Schmetterlingen hinterher und entdeckt verschiedenste Vögel in den Baumwipfeln.


Allmählich wird die üppige Landschaft abgelöst von terrassierten Feldern. Hier grasen Wasserbüffel und Ziegen kreuzen unseren Weg. Kurz vor Landruk überqueren wir noch einmal eine Brücke. Die letzten Meter trage ich Nima auf dem Arm. Er ist wach und verweigert die Trage. Pünktlich um 11 Uhr erreichen wir unsere Lodge. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl. Thinley kennt die Besitzerin sehr gut. Er war während seiner Zeit als Träger und Guide oft hier. Sie freut sich ihn nach so vielen Jahren wiederzusehen.

Wir verbringen einen entspannten und kurzweiligen Nachmittag. Es gibt keine weiteren Gäste heute und so haben wir die Lodge ganz für uns allein. Nima machen wir frisch und er kugelt sich auf einer Decke herum. Er genießt die Bewegungsfreiheit. Tenzing plantsch mit Wasser herum und gräbt mit seinem Bagger in der Erde. Während Nima sein Mittagsschläfchen macht, lenken wir Tenzing ab und erzählen ihm Geschichten. Er hört aufmerksam zu und zwischendurch schiebt er selbst erfundene Passagen mit ein.


Am Abend als die Kinder schon schlafen, setzen wir uns für eine Weile auf die Dachterrasse und betrachten den funkelnden Sternenhimmel. Wir genießen die Ruhe hier in den Bergen.


Von Landruk zurück nach Pokhara


Auch heute starten wir wieder früh in den Tag. Von Landruk aus steigen wir zahlreiche Steinstufen bergab, vorbei an den terrassierten Feldern. Wir sehen Esel, Wasserbüffel und auch vereinzelt Pferde grasen. Erneut im Modi Khola Tal angekommen überqueren wir den Fluss über eine Brücke.


Thinley macht uns auf eine riesige Felswand aufmerksam. Die steile, unzugängliche Klippe ist dafür bekannt, dass „Honey Hunter“ hierherkommen, um die kostbaren Honigwaben zu sammeln. Dabei verwenden sie nichts weiter als handgefertigte Strickleitern und lange Stöcke, ein lebensgefährliches Handwerk.


Wir legen bei einer kleinen Lodge im Tal eine Rast ein und wappnen uns für einen anstrengenden Anstieg. Nima ist wach und verweigert die Trage, also kämpfe ich mich Stufe für Stufe mit ihm den Berg hinaus. Thinley trägt Tenzing auf der Schulter. Wir beide erinnern uns noch zu gut daran, als wir vor etwa 10 Jahren gemeinsam diese Etappe gelaufen sind. Zum Glück müssen wir heute – mit den Kindern – nicht ganz hinauf, sondern nur bis zur Jeep-Straße, die zurück nach Pokhara führt. Dort wartet bereits unser Fahrer auf uns.


Für diese letzte Fahrt konnten wir Nima’s Schlafzeiten leider nicht wirklich berücksichtigen, so dass wir einiges an Quengelei ertragen müssen. Wir sind heilfroh, als wir in Pokhara ankommen und mit kühlen, in Minze getränkten Tüchern im Hotel empfangen werden.


Nima darf als erstes in die Badewanne und ist zum Glück schon wieder quietsch fidel. Mit Tenzing fallen wir über die letzten Reste unserer Süßigkeiten her. Sorgfältig habe ich über all die Wochen die Gummibärchen, Müsliriegel und Ritter Sport rationiert, so dass uns die Vorräte bis zum Ende gereicht haben.


Am Nachmittag regnet es heftig, es blitzt und donnert. Für die Rückreise nach Kathmandu haben wir für morgen einen Flug gebucht. Da die Maschinen aber nur bei guten Wetterverhältnissen starten, sehen wir unsere Chancen schrumpfen.


Rückfahrt nach Kathmandu


Und tatsächlich wird unser Flug gecancelt. Uns ist es aber in Pokhara zu heiß und wir möchten keine weitere Nacht bleiben. Kurzentschlossen engagieren wir nochmals unseren Fahrer und starten am späten Nachmittag mit dem Jeep Richtung Kathmandu. Um Mitternacht kommen wir erschöpft, aber glücklich an. Es war die wohl beste Entscheidung mit den Kindern in die Nacht hineinzufahren. Sie haben beide einen Großteil der Strecke geschlafen.


Wir nehmen Abschied von unserer Familie und von Nepal


Inzwischen ist es ziemlich heiß in Kathmandu. Am Nachmittag regnet es hin und wieder heftig. Die Monsun-Saison naht. Es zieht uns langsam aber sicher nach Hause. Wir freuen uns auf den bevorstehenden Sommer zurück in Deutschland. Wir buchen unseren Rückflug für Anfang Mai, so dass uns noch eine Woche Zeit bleibt für diverse Besorgungen und um uns von der gesamten Familie zu verabschieden.

Mit einem weinenden und einem lachenden Auge reisen wir zurück. Wir haben mit unseren Kindern eine tolle Zeit in Nepal verbringen dürfen. Tenzing nimmt mit seinen 4 Jahren zahlreiche Erinnerungen mit nach Hause. Wir sind stolz darauf, ihm seine tibetisch-nepalesischen Wurzeln nahe bringen zu können. Nima wird sich nicht an diese Zeit erinnern. Aber er war stets glücklich, dass Mama, Papa, sein Bruder sowie viele liebevolle Verwandte um ihn waren. Wir werden unsere gemein verbrachte Elternzeit in guter Erinnerung behalten und sind dankbar für diese schönen Wochen.


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